Franz Kaida ist Haltestellenansager der Wiener Linien. Zwei Millionen Fahrgäste hören täglich seine Stimme. Aber kaum einer kennt den Menschen dahinter.

Franz Kaida bei der Arbeit (Foto: Harald Schneider/APA)
Die öffentlichen Verkehrsmittel in Wien kennen keine andere Stimme. Seit 1968 weist Franz Kaida die Fahrgäste auf Haltestellen und Umsteigemöglichkeiten hin oder bittet darum, die Sitzplätze Menschen, die sie "notwendiger brauchen" zu überlassen. "An den Textformulierungen kann ich nichts ändern", sagt Kaida beim Gespräch mit dem FH-Magazin im Wiener Café Ministerium bei Würstel und weißem Spritzer. "Ich bin nur Sprecher. Es gibt aber auch Texte, die ich persönlich schlecht finde. Dann versuche ich natürlich, im Gespräch mit den Verantwortlichen auf Fehler oder grammatikalische Ungenauigkeiten hin zu weisen."
Nach fast 40 Jahren Erfahrung gibt es für den gebürtigen Wiener Kaida aber kaum noch Kritikpunkte an der Ansage selbst. Abgesehen von technischen Problemen wie leiernden Bändern sei die Ansage so, wie sie sein soll. "Sie muss bei Bedarf gehört werden und bemerkbar sein und gleichzeitig nicht stören, wenn man sie nicht braucht. Stellen Sie sich vor, Sie fahren jeden Tag die selbe Linie und jede Minute brüllt Ihnen jemand etwas ins Ohr, was Sie ohnehin schon wissen", lacht er.
Zufallsjob
Dabei hatte er es 1968 gar nicht darauf angelegt, den Job als Haltestellenansager zu bekommen. Die Wiener Linien – damals noch Wiener Stadtwerke-Verkehrsbetriebe – stellten auf schaffnerlosen Betrieb um und suchten geeignete Sprecher. Die Tests mit Schauspielern und professionellen Sprechern verliefen allerdings unzufriedenstellend. Der junge Mitarbeiter Franz Kaida bereitete unterdessen eine Ausstellung zum Thema "100 Jahre Tramway" im Technischen Museum vor. Dafür mussten auch Bänder besprochen werden. Auf einem davon erwähnte Kaida einige Straßenbahnhaltestellen. "Ich war durch eine Sprechausbildung schon gewissermaßen 'vorbelastet', weil ich davor kurz beim ORF beschäftigt war. Ich wollte ja ursprünglich Nachrichtensprecher werden, dafür waren allerdings sehr gute Französischkenntnisse gefordert, die ich nicht hatte."
Das Band für die Ausstellung gelangte schließlich ohne Kaidas Zutun in die Hände "der Herren, die damals gesucht haben. Die sagten dann: 'Das ist das beste, was wir bisher gehabt haben. Wer ist denn das überhaupt?'. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich gefragt wurde: 'Wollen Sie das machen?' habe ich von der Sprechersuche überhaupt nichts gewusst."

Die Stimme der Wiener Linien (Foto: Kaida)
Mittlerweile ist der 64-jährige Franz Kaida bei den Wiener Linien, wo er bis Ende 2004 Leiter des sicherheitstechnischen Dienstes war, in Pension, blieb seinem Metier aber als Vorstand des Verbandes Österreichischer Sicherheitsingenieure treu. Die Haltestellenansage macht er nebenbei immer noch. "Der Arbeitsaufwand ist durch die Schneidetechnik heute sicher geringer als früher. Vor 15 Jahren kam es vor, dass ich jede Woche fünf Stunden ins Studio musste. Jetzt reicht meistens einmal pro Monat."
Streitfall Aussprache
Heikel ist seine Aufgabe nur, wenn die Aussprache der Straßennamen nicht klar ist. Zum Beispiel bei der Shuttleworthgasse oder der Thaliastraße gehen die Meinungen über die korrekte Aussprache und Betonung auseinander. Kaida holt dann Empfehlungen vom Stadt- und Landesarchiv ein, das die Herkunft des Namens und die ortsübliche Aussprache berücksichtigt. "Wenn man sich einmal für eine Version entschieden hat, sollte man dabei bleiben können."
Die Wiener scheinen Kaidas Ansage jedenfalls lieb gewonnen zu haben. Oft erreichen ihn Anfragen, private Videos über Wien zu besprechen oder als Geburtstagsgeschenk ein paar Worte aufzunehmen. "Das mache ich natürlich manchmal, es geht aber nicht immer. Ich werde keinen Großhandel daraus machen." Seine Stimme ist auch in Werbungen und zuletzt sogar in einem Song der österreichischen Pop-Band "Mondscheiner" zu hören.
Fans und Kritiker
Die bekannteste Stimme Wiens wird auch gelegentlich auf der Straße erkannt. "Ich habe einmal zufällig einen Musiker aus Korea getroffen, der gerade erst in Wien angekommen ist und kaum Deutsch konnte. Er stieg aus dem Bus und fragte mich: 'Sind Sie nicht der, der da geredet hat?'. Es gibt aber auch andere Fälle. "Vor kurzem bin ich mit einem Kollegen in der U-Bahn gefahren, da schreit mich plötzlich eine ältere Frau an: 'Tun Sie den, der da spricht, nicht nachäffen!'"
"Ich rede aber ohnehin meistens nicht so, wie auf der Ansage, sondern wie jeder andere Mensch auch. Ich habe kein Problem damit, im Dialekt zu sprechen, zu schimpfen oder auch einmal 'Scheiße' zu sagen."